Misheard profiles

Jetzt also mit eigenem Soundlogo.

LinkedIn, das gerade dabei ist, zum Instagram der Business Welt zu werden, hat bereits im Juli ein neues Feature gelauncht. Es kommt als kleines Lautsprecher-Symbol neben dem Namen daher, und ich entdeckte es durch Zufall beim Scrollen durch meine timeline. 10 Sekunden habe ich Zeit, so lese ich es bei LinkedIn nach, den Besuchern meines Profils ab sofort eine korrekte Aussprache meines Namens anzubieten. Und weil ich erstmal alles mitmache, was die digital Natives auch können, schon allein, um es ausprobiert zu haben, und zu zeigen, dass ich sowas auch kann: nehme ich mich auf, lösche, verwerfe, lade hoch. Ich spreche meinen Namen in verschiedenen Varianten. Mal seriöser, wie mein eigener social media Anrufbeantworter, mal wie Palmolive-Tilly*. Irgendwo dazwischen bin ich es dann zufrieden und wer mag, kann sich jetzt auf dem Handy in der LinkedIn App anhören, wie man „Monika Danner“ richtig ausspricht.

Nicht nur höflich sei es, einen Namen richtig auszusprechen, erklärt mir LinkedIn im Text, der den Launch begleitet. Es ginge dabei um den ersten Eindruck, den man macht. Dass der zählt, habe ich schon in anderen Quellen der Selbstoptimierung gelesen, dann muss das ja stimmen. Und damit, so interpretiere ich: geht es um Erfolg und Misserfolg in der weiteren Beziehungsgestaltung. Um die berühmte Wertschätzung. Damit meinen die Entwickler allerdings nicht etwa den Eindruck bei denjenigen, die den Namen abhören und dann vielleicht denken: woaaah, nette Stimme – das muss eine sympathische Person sein! Hervorragend! Wie kann ich sie treffen? Wie kann ich mit ihr zusammenarbeiten? Sondern um den Eindruck des- oder derjenigen bei mir, der/die mich dann – ja was denn? Nach einem ersten Messenger Kontakt anruft? Mich korrekt zitiert im nächsten Podcast? Oder mit dem ich mich unbekannterweise verabrede, zum Lunch und der mich dann herzlich mit meinem korrekt ausgesprochenen Namen begrüßt?

Ok, ich verstehe, dass es echt nervt, wenn der eigene Name häufig falsch ausgesprochen wird. V.a. wenn unangenehme Assoziationen damit geweckt werden oder man das Gefühl hat, das Gegenüber gibt sich keine Mühe. Oder spricht den Namen gar absichtlich falsch aus. Der Alltagsrassismus, wenn Menschen mit nicht biodeutschen Namen in Deutschland bewusst komisch angesprochen werden, und dann ein achselzuckendes „das ist ja wirklich ein komplizierter Name“ eine gute Entschuldigung sein soll. Alles schon einigermaßen hilflos miterlebt. Ich selbst werde erst, seit Bill Clinton mal Präsident war, beispielsweise gefragt, ob man meinen Namen mit k oder mit c schreibe (letzteres kommt im Deutschen so gut wie nie vor) und finde das auch eher schräg. Eine Zeitlang, es muss entsprechend auch Ende der 90er gewesen sein, fanden Menschen es witzig, meinen Namen absichtlich auf englisch auszusprechen. Daher schätze ich das Bemühen von LinkedIn irgendwie auch und mag gerne an die gute Idee dahinter glauben.

Aber von misogynen oder rassistischen Versprechern abgesehen, bin ich selbst eher ein Fan der gehörten Missverständnisse. Ganz einfach, weil sie meistens Anlass zum gemeinsamen Lachen bieten, zum Gespräch über richtige Aussprache-Varianten einladen, man vielleicht sogar was lernen kann oder sich gemeinsam darüber wundern, wie merkwürdig das geschriebene und das gesprochene Wort zuweilen zueinander stehen. Legendär die Handbücher des Verhörens des Kolumnisten Axel Hacke, der lange Jahre dachte, nur er würde Liedtexte immer falsch verstehen; bis er dazu einen Text schrieb und von da an mit Leserbriefen und missverstandenen Liedtexten zugeschüttet wurde. Daraus wurden dann drei Bände; die sich in vielen Fällen um den Moment drehen, in dem der Fehler aufgedeckt wird und damit zuweilen eine ganze phantastische Welt zerstört wird. Mittlerweile bilden die „misheard lryics“ eine ganze Gattung lustiger Internetseiten und youtube-Videos.

Im selbstoptimierten social media Alltag soll allerdings nix misheard sein, bitte, korrekt wollen wir uns ansprechen können. Und bestimmt wird LinkedIn bald anfangen, zu schimpfen, wenn man die Aufnahme nicht gemacht hat. Die Aussagekraft Ihres Profils ist: Mittel! bescheidet mir LinkedIn heute bereits. Statt für die Daten gelobt zu werden, die ich alle schon umsonst reingefüttert habe, fühle ich mich dann immer ein bisschen schlecht und denke, mittel! das klingt wie mittelmäßig! Will ich nicht sein! Schnell ein Soundlogo dazu, das ist ja wohl das Mindeste! Erste Kommentatoren der neuen Funktion warten übrigens schon darauf, dass das 10sec feature missbraucht wird für allerhand anderes. Wir könnten uns z.B. auf kurze CV Zusammenfassung freuen à la „Hey ich bin Thorben, ein super Typ und Experte für xyz, ich freue mich total, dass DU mich hier besuchst“.

Eine kreativere Idee fände ich ja, das 10 sec. Ding für Songs nutzen. Ein bisschen Tiktok für Erwachsene, sozusagen. Ich hätte auch gleich ein paar konkrete Vorschläge (alle getestet, garantiert unter 10 sec):

Ich selbst schwanke ja noch zwischen den Varianten Billy Idol, Lou Bega, Magnus Kvintett, Ulli Martin, Peter Orloff, um eine Auswahl zu nennen. Alles hervorragende Monika-Lieder mit unterschiedlichem, naja, sagen wir’s so, Grad an Jugendfreiheit. Tipps nehme ich gerne an…

Und wenn dann wir uns dann alle wieder treffen… z.B. in den Meeting Räumen, in den Café Lounges, in den Flughafen-Wartehallen, und in den Büros. Nicht nur draußen, sondern so in echt, mit vielen. Wenn wir dann wieder lernen, grauen Konferenzkaffee aus Thermoskannen zu trinken und nicht mehr den grünen Tee zuhause, und trotzdem glücklich sind. Wenn der eingetrocknete Lippenstift weggeworfen und neuer gekauft ist und gemeinsam am Tisch gegessen gesprochen gefeiert wird. Wenn wir wieder Nüsse aus kleinen Schälchen teilen und Weintrauben vom gleichen Teller und nicht mehr alles sofort wegwerfen müssen, weil es nicht aufgegessen wurde, sondern wir es dann in die Teeküche tragen und die Kolleg*innen sich drüber freuen. Wenn wir wieder tanzen gehen und die gleichen Songs gutfinden, obwohl uns vielleicht 300.000 Euro Jahresgehalt trennen. Dann treffen wir den hardrockenden Strategy Analysten und die balladenträllernde Sonja aus der Kommunikation, stimmt, die hatte ja eine Zeitlang auch dieses coole Sound Dingsbums auf LinkedIn. Und dann tauschen wir uns aus über unsere schönsten misheard lyrics. Und ob unsere Profile dann nur mittel sind, das ist dann egal.

Das wird schön, glaub ich.

PS. Als bonus track hier noch eine meiner misheard lyrics Erinnerungen – aus einer Zeit, in der man noch nicht nach Texten googeln, sondern nur manche aus der Bravo ausschneiden konnte. Seid milde mit dem Englisch einer Siebtklässerin aus den 80ern. Tanzen mag ich heute noch gerne zu Erasure, übrigens.

It’s not the way you leave me, by me hanging to the bedroom

its not the way you froze your clothes up on the bedroom floor

bitten, think and about you I just couldn’t wait to see

bring my arms around ya – sweet falling ectasy

uh uh uh uh sometimes

the truth is hard to complain inside, yeah

uh uh uh uh sometimes

agent broke the heart, the desire

It’s not the way that you could rest me, a toy with my affection

it’s not my sense of emptiness you’ll do with your desire

climbing bad beside me

we could not the word outside

touch me sad and find me

want your body next to mine

uh uh uh …

 

*Tilly war eine Figur aus einer berühmten Werbung im Westdeutschland der 80er Jahre. Ganz lange her also.

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