Corona Sounds

Mama, was ist eigentlich ein „Fax“? fragte mich meine Tochter, auf einer Taxifahrt vor ein paar Wochen. Die entsprechende Nummer stand gut erkennbar auf dem Armaturenbrett. „Faxe waren früher das, was heute Emails sind“ hörte ich mich sagen, gewillt eine kluge Mama-Antwort zu geben, „und eigentlich benutzt man sie heute nur noch in Arztpraxen“. Denn das ist nach einigem Überlegen der einzige Bereich meiner Lebenswelt, in dem ich noch auf Faxversand verwiesen werde; zur Übermittlung eines Befundes, eines Arztbriefes oder einer Überweisungskopie. Zur Arztpraxis gehört die Fax-Nummer wie Billy zu Ikea, die passenden Geräte greige-farbene Repräsentanzen einer Zeit, in der Vermerke noch per Hauspost gesendet und die Sekretärin noch Vorzimmerdame hieß, die diese Vermerke in die Wiedervorlage-Mappe sortierte.

Hoffentlich ist genug Papier drin, dass er auch gedruckt wird, der Befund, hoffentlich fällt er nicht hinten aus dem Auffang-Bügel heraus und hoffentlich wirft die Putzfrau den Zettel dann nicht in den Müll, sonst sind sie weg, für immer, die Blutwerte, und nur in einem schlechten Tatort würde der Kommissar noch auf den Müllbändern der BSR danach suchen.

Warum ich ausgerechnet diese Anekdote erzähle, wo sich doch grad alles um Corona dreht?

Weil sie mir schmerzhaft bewusst gemacht hat, welche absurde Gleichzeitigkeit von Analogem und Digitalem im Gesundheitssystem wir uns erlauben, seit vielen Jahren schon.

Nun habt ihr ja lange nichts mehr gehört auf diesem Kanal. Weder per quietschendem Fax noch per lautloser Email. Ich stand in Seminarräumen und in Workshops in ganz Deutschland, habe Lernkonzepte entwickelt und dabei selbst gelernt, wie man Umsatzsteuervoranmeldungen macht, und wie man die E-Roller-Anbieter zwingt, vernünftige Belege auszustellen, die das Finanzamt nicht doof findet. Ich habe ein Business aufgebaut, fantastische Menschen und Kolleg*innen kennengelernt, mich qualifiziert und professionalisiert, Visionen entwickelt, Projekte abgeschlossen, neue ersonnen und nicht nur einmal in der Zeit ein „High Five“ auf die Selbständigkeit geklatscht. Und irgendwann habe ich mir selbst erlaubt, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, wenn der Blog über Sound grad selbst keinen produziert. Mal laut, mal leise, das heißt in der Musik Dynamik, und das schöne Wortspiel mit dem Tempo in meinem Leben passt dazu eigentlich ganz gut.

Und jetzt ist sie auf einmal TATSÄCHLICH da, die VUKA-Welt, von der ich oft in meinen Trainings rede. Volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (ambiguous). Herzlich willkommen, it’s real! Und nicht nur so eine komische Berater-Idee. Der Grund dafür hat die Form eines See-Igels und ist je nach Panikgrad der Berichterstattung grün, gelb oder rot.

Corona stellt derzeit auch meinen beruflichen wie privaten Alltag auf den Kopf. Die Lösung von gestern war besser als die von vorgestern und gilt aber schon heute nicht mehr. Was morgen ist, weiß ich auch nicht. Und spätestens nach den ersten Talkshows über SARS-CoV2 kam mir dann wieder diese Fax-Geschichte in den Kopf. Digital streame ich Infosendungen während ich auf den Zug warte, lerne von Christian Drosten, dem Propheten der Besonnenen, per Podcast auf dem Handy, während die SZ auf meinen Bildschirm aktuelle Zahlen zur Virusverbreitung spielt. Ich schicke meiner Familie Voice-Nachrichten in den Chat, denn jede*r ist ja grad woanders und kann das dann hören, wann er/sie möchte. Noch ein Foto hinterher, hier der neueste Artikel, guck mal. Like. Betroffener Smiley.

Doch wow, die ersten Tipps der Politik, um das Wichtigste, das wir derzeit managen müssen, nämlich das Verhindern eines pandemischen Peaks, lauteten tatsächlich: Bitte! Rufen! Sie! Erstmal! Ihren! Hausarzt! an! Und das Kopfkino zeigt einen gütigen alten Mann, hinter einem breiten Schreibtisch im weißen Kittel sitzend, der nur darauf wartet, dass ich mich telefonisch an ihn wende („ist es noch Erkältung oder schon Corona?!“), und mich mit Hinweis auf Kamillentee und Wadenwickel beruhigt. Ein weichgezeichnetes Bild aus Wirtschaftswunder-Deutschland, vorne am Empfang quietscht das Fax und hinten im Behandlungszimmer fürsorgt und würdevollt „der Dokter“. Echt jetzt?

Der Kenntnisstand der Virologie im Jahr 2020 grenzt für mich an ein Wunder. Die digitale Welt ermöglicht, dass Forscher derzeit weltweit gleichzeitig an der Entschlüsselung des Genoms und der 27 Proteine, die SARS-CoV2 produziert, arbeiten und sich darüber austauschen können. Über 300 Papers sind seit 1.2. auf Medrxiv entstanden, einer Quelle medizinischer Forschung, die noch keine Peer-review Verfahren bestanden hat und daher nur eine Vorstufe finaler Veröffentlichungen ist. (Quelle: The Economist). Wir können uns im Minutentakt digital über die Ausweitung von Risikogebieten, die Zahl erkrankter/genesener/verstorbener Patienten weltweit und die Regelungen zur Schließung öffentlicher Einrichtungen informieren. Das ist fantastisch. Ich glaube an Expertenwissen, und noch viel mehr glaube ich an international vernetztes Expertenwissen unabhängiger Forschungsinstitute und diejenigen, die es schaffen, von einem unsichtbaren Virus nicht nur ein grünes/gelbes/rotes Foto zu machen, sondern uns auch zu erklären, wie es in den Menschen kommt und was es dort anrichtet.

Mein Vertrauen in digitale Effizienz und Professionalität der Medizin kommt jedoch immer dann ins Wanken, sobald ich die Rolle „Patientin“ übernehme. In einer durchschnittlichen deutschen Arztpraxis betritt man eine Welt, die sich wacker fern hält von allen Debatten um neue Arbeit und Effizienz digitaler, asynchroner Kommunikationsformen, die uns jetzt so sehr helfen könnten. Übrigens auch ohne den gütigen weißen Mann; der Arzt meiner Kindheit, der dem Bild vielleicht ähnelte, ist lange tot. Dass ich Praxen überhaupt betrete, liegt auch nicht immer daran, dass ich  krank bin, sondern dass sehr häufig – ich spreche von Berlin und sowas wie Hausarzt, Orthopädie, Kinderarzt – nie jemand ans Telefon geht. Die Idee, in einer Praxis anzurufen, ist in meiner Welt ein geradezu aberwitziger Vorschlag. In der Realität erfordert ein Besuch beim Facharzt in Berlin häufig einen vorherigen Besuch, um einen Termin zu verabreden. Email geht selten, manchmal gibt es Doctorlib. Aber oft heißt es: hingehen, veränderten Sprechstunden-Aushang sehen, heimgehen, nochmal hingehen, Termin ausmachen. Und dann trotz Termin stundenlang im Wartezimmer hocken, W-Lan ein unerhörter Wunsch, das hier ist doch ein WARTEZIMMER! 1,5 Stunden warten gegen 7 Minuten Beratung, das ist der Deal, um den es hier geht. Alle kennen ihn und machen ihn mit, denn er scheint alternativlos.

Für manche Prozess-Ineffizienz kann noch nicht einmal die jeweilige Praxis was, sondern so sind halt die Spielregeln im Gesundheitssystem und der Kassen. Wie neumodisch (und doch: wie einfach!!) wäre es doch, beispielsweise die „Überweisung“ zu digitalisieren – dieses unschuldige Blatt Papier in A5, etwas größer als ein Rezept und für mehr Text, in gelb, damit man es nicht zusammen mit der Werbung der Santanderbank in den Müll wirft. Oder die „Verordnung“, das gleiche Prinzip in grün. Hochladen, mailen, airdroppen? In der Welt der medizinischen Basisversorgung undenkbar.

Patient*in sein in Deutschland: das heißt auch im Jahr 2020 noch, gelbe und grüne Zettel zwischen zwei Orten hin- und hertragen und dafür eigene Arbeitstage umstellen. Im Wartezimmer sitzen und dabei Gala-lesend Keime mit Mitpatient*innen austauschen, denn gut Ding will Weile haben, auch so ein gelber Zettel. Und diejenigen, die die Zettel ausdrucken dürfen auf Geräten, die vielleicht sogar faxen können, haben ohnehin nur dann offen, wenn mensch normalerweise arbeitet. Patient*in sein in Deutschland: das heißt, die Wohnung zu verlassen und an einen anderen Ort zu gehen, um jemanden zu überzeugen, sich an eben diesem anderen Ort zeitgleich zu treffen. Und wenn er / sie überzeugt ist, dann dessen Terminvorschlag anzunehmen, egal was man selbst vorhat, denn dieser Vorschlag ist in der Regel alternativlos. Die schlimmste Variante davon heißt dann „Akutsprechstunde“. Patient*in sein in Deutschland: das heißt definitiv nicht, seinen Arzt/seine Ärztin anrufen / anmailen / anchatten zu können, er/sie hat nämlich nie Zeit und seine Mitarbeitenden mittlerweile auch nicht mehr. Vielleicht ruft er/sie zurück, wenn du privat versichert bist, ich bin halt Kasse, aus Überzeugung übrigens, da passiert das nicht. Die Standard-Prozesse, die uns gesund machen und halten sollen, vertrauen auf das gleichzeitige, analoge Sitzen von Patient*in und Arzt/Ärztin in einem Raum. Auf die anschließende persönliche Übermittlung gelber und grüner Zettel von einem Ort zum anderen. Auf Mensch gewordene Fax-Geräte.

Wir sind abhängig von einem analogem Verhalten, das so tut, als ob es keine andere Möglichkeit gäbe, die Information aus dem Kopf und der Datenbank des einen Arztes in den Kopf eines Therapeuten oder anderen Arztes zu bekommen zu bekommen, datensicher und kostentransparent. SARS-CoV2 führt uns nun die ganze Absurdität dieses Systems vor, das sich bislang nicht entscheiden mochte, den Schritt in die Möglichkeiten digitaler Kommunikation zu tun. Und nun wird digital oder analog die Frage sein, die wir uns als Gesellschaft bezüglich der Sinnhaftigkeit vieler Prozesse und Strukturen – nicht nur im Gesundheitssystem – neu stellen müssen, denn dass in einem Raum sitzen nicht immer so cool ist, wenn es ums Verhindern von Viren-Verbreitung geht, ist mittlerweile auch in den letzten Ecken der Republik angekommen.

Endlich kommen sie nun in Gang, die Lösungen zur Krankschreibung ohne persönliches Auftauchen, die zentralen Hotlines, die die kleinen Einheiten vor Ort – die Praxen – vor dem Implodieren schützen. Endlich lernen Schulen und Bildungsinstitutionen, dass digitales Lernen nicht irgendein neumodischer Mist ist, sondern hochgradig sinnvoll und endlich zur Realität schulischer Bildung werden muss, wenn die Schulen mal zu sind. Endlich wird das Homeoffice, einst klangvolle Verheißung der Laptop-Träger*innen in gutbezahlten Zentralfunktionen, zur Selbstverständlichkeit und auch die letzten Führungskräfte, die sich noch dagegen wehrten, können nicht anders, als die Leine loszulassen und das Vertrauen zu leben, dass sie sonst nur in Werte-Workshops propagieren.

Das Virus, es ist leise. So leise, dass wir es erst nicht hören wollten. Und nun ist die Stille auf der Straße, in Bussen und Bahnen lauter als das Quietschen des Faxgerätes, wir wachen auf und müssen uns fragen, wie wir eigentlich künftig miteinander leben, arbeiten und die Welt gestalten wollen.

Ein Paukenschlag namens Corona hat dafür gesorgt. Die Musik, zu der wir tanzen, sie wird danach anders klingen.

Tanzt mit, bitte, und bleibt dabei gesund.

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